Frame

bis Martin Cirulis

Das Mädchen kniete im Dunkeln und legte ihre Handfläche auf den kühlen Boden.

„Eins … zwei … drei, vier. Wart auf mehr und bleib noch hier.“

Fast einen Klom entfernt herrschte in der Basis der Kalan-Freibeuter ein wahrer Wirbelwind an Aktivität. Hunderte von Soldaten und Technikern bewegten sich in einem koordinierten Chaos umher. Auf einer zivilisierten Welt würde man sagen, dass dies kein Ort für ein Kind sei. Aber die Oase war auch weit von dem entfernt, was die meisten Leute als zivilisiert bezeichnen würden.

„Fünf … sechs, sieben … acht. Hab Acht, sonst wird du kaltgemacht.“

Aber wenn ein Kind besonders schlau war und den exakten Ort gefunden hatte, an dem die Vibrationen aus dem Hangar der Freibeuter eine Resonanz mit den Bodenplatten erzeugte, dann war es möglich, die Starts der Freibeuter mitzuzählen, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben. Und L’haan Sucher war ein sehr, sehr kluges Kind.

„Neun, zehn, elf … zwölf?! Mutter schreit ‚Liebe Zeit‘!“

Aus der Ferne war plötzlich das Stampfen schwerer Stiefel zu hören und die raue Stimme einer Frau rief: „Ich hab eine Hitzespur! Hier lang!“

L’haan flüsterte ein Wort, von dem ihre Eltern sagten, sie sei noch nicht alt genug dafür. Leider kann einem keine Klugheit der Welt das Pech vom Hals halten.

„Dreizehn, vierzehn, ungesehen! Freie Mädchen bleiben nicht stehen!“ L’haan blieb noch zwei Sekunden lang unbeweglich, um sicherzugehen, dass die Vibrationen vom Start verstummt waren, sprang dann auf die Füße und warf sich geradezu in eine Ritze in der Wand.

Die Patrouillen der Kalan-Freibeuter waren immer zahlreicher geworden, aber als L’haan durch die Dunkelheit raste und immer schneller wurde, überzeugte sie sich selbst davon, dass die Sklavenhändler heute enttäuscht sein würden. Schartiges Metall und defekte Kabel schlugen ihr ins Gesicht, aber sie ignorierte sie. Stattdessen wartete sie auf die erste Berührung des Trägheitsfelds, von dem dieser Abschnitt heimgesucht wurde und das ihr die Haare aufstellen würde. Sie zählte ruhig bis drei, stieß sich dann von der rauen Wand ab, von der sie wusste, dass sie dort sein würde, und wandte sich in den glatten Gang, der sich nach unten und fort von dem Suchtrupp wand. Die Reibung ihrer Handflächen und Füße auf dem Metall brachte sie schließlich in die Sicherheit eines schwach beleuchteten, höhlenartigen Raums. Die einsamen Fußabdrücke auf dem klebrigen, gummiartigen Boden zeigten ihr, dass niemand sonst ihren Weg gefunden hatte, und sie summte leise ihre Gedächtnishilfe für das Auskundschaften vor sich hin. Die Reime sorgten dafür, dass ihr beim Zählen der Schiffe keine Fehler unterlaufen würden. Ihr Sippenstamm musste erfahren, wie gefährlich der Weltraum heute war.

Aber für den Moment gestattete sich L’haan Sucher einen kurzen stolzen Moment. Sie unterdrückte ein Kichern, als sie durch die Räume und Risse raste, durch die nur ein kleiner Körper wie ihrer passen konnte. Das war wahre Freiheit. Als die Rufe und Flüche der schwerfälligen gepanzerten Freibeuter hinter ihr immer leiser wurden, genoss sie den Moment. Da waren nur sie und die Oase. Ihre Eltern hatten ihr beigebracht, sie sei eine „Station“ oder eine „Anlage“, die in uralten Vorzeiten errichtet wurde, und dass ihr Sippenstamm einer von vielen war, die zum Leben hierhergekommen waren. Einige von ihnen, wie die Unterseitigen und die Pilzernter, waren in Ordnung und man konnte mit ihnen handeln, aber anderen, wie den Rosttrinkern, ging man besser aus dem Weg. Die Schlimmsten von allen waren die Kalan-Freibeuter. Selbst wenn man ihr nicht von Geburt an eingebläut hätte, vor den Freibeutern wegzulaufen, selbst wenn sie nicht aus den Schatten zugesehen hätte, wie sie Menschen in Ketten abführten, um für sie zu arbeiten, selbst wenn sie nicht das Gelächter und die Schreie gehört hätte, selbst dann hätte sie die Freibeuter gehasst. Wenn auch nur deswegen, wie sie die Oase behandelten.

Für sie war die Oase ein Problem, das man lösen musste oder ein Feind, den man schlug. Sie hackten auf die Oase ein, schossen Löcher hinein, plünderten jede Maschine, die sie begreifen konnten und zerrissen diejenigen, die sie nicht verstanden. Sie behandelten sie wie jeden anderen Gegenstand, den sie erobert hatten. Den sie in Ketten legen konnten. Aber das war sie nicht. Sie war ihr Zuhause. Und auch wenn es ihr niemand glauben wollte, war sie nicht bloß geistloses Metall. Ganz und gar nicht.

Sie hackten auf die Oase ein, schossen Löcher hinein, plünderten jede Maschine, die sie begreifen konnten und zerrissen diejenigen, die sie nicht verstanden.

Sie hielt einen Moment lang inne, hängte sich dann mit dem Kopf nach unten von einer Kabelbrücke und reckte sich nach unten, bis ihre Finger die dicke Staubschicht auf dem Sims unter ihr berührten. Einen kurzen Augenblick später hatte sie das Siegel für „Schlechter Weg“ in den Staub gezeichnet und zog sich wieder nach oben. Jeder Sammler, der in nächster Zeit hier entlang käme, würde nun wissen, dass es nicht sicher war, sich der Basis der Freibeuter weiter zu nähern. Sie war zwar eine Sucherin, hatte aber viele Freunde, die Sammler waren, und sie kümmerte sich gern um sie. Ihr Vater war ein Sammler gewesen, bis „Mutter um die Ecke kam und mir mit einem Rohr ins Gesicht schlug“, was nicht besonders freundlich klang, aber das Lächeln in ihren Gesichtern, wenn er das sagte, gab ihr das Gefühl, dass da irgendetwas vorging, dass sie noch nicht ganz begreifen konnte.

Sie nahm einen Umweg und hangelte sich mithilfe einer umgefallenen Leiter über den Großen Summenden Graben. Das Summen kitzelte ihre Füße und sie fasste den Entschluss, irgendwann herauszufinden, was da unten in der Dunkelheit so summte. Das waren die Freuden für Sucher in der Oase: zu Wissen, dass es immer etwas Neues zu Entdecken gab. Auf der anderen Seite des Grabens nahm sie eine gebogene Rampe nach links, anstatt durch die Marmorhalle zu gehen. Es war der direkteste Weg nach Hause, wenn man schnell auf den Beinen war.

Sie vertraute der Oase als ihrem Verbündeten, aber sie war immer noch eine Sucherin, und eine Sucherin vertraut nicht blind. Nur ein Narr vergaß die Gefahren, die hier lauerten. Und das waren nicht nur Freibeuter. In der Finsternis gediehen Wesen, die Menschen verschlingen konnten, als wären sie Flugratten. Und manchmal … passierten Dinge einfach. Manchmal kehrten Leute einfach nicht mehr zu ihren Sippenstämmen zurück. Selbst in Familien mit sicheren Aufgaben wie den Wasserbeschaffern oder den Erntern verschwanden Personen. Mutter erzählte manchmal eine Geschichte aus der Zeit, als sie in L’haans Alter auf einer langen Erkundung gewesen war. Sie war weit draußen in Richtung sonnenwärts auf einen anderen Sippenstamm getroffen, und obwohl sie die korrekten Respektrufe erwiesen hatte, kam von den Schildwächtern des Stammes keine Antwort. Und als sie schließlich hineinging, war alles leer. Das Essen verrottete auf den Tischen, die Töpfe standen leer auf den Heizern und selbst die Schaben waren an ihren Leinen verhungert. Aber von Gewalt war nicht die geringste Spur zu sehen.

Nur ein Narr vergaß die Gefahren, die hier lauerten.

Manchmal passierten Dinge einfach. Und sie passierten immer häufiger. Vor mehreren Umläufen war sie gerade beim Andervater gewesen, als jemand in einem Anzug, wie sie die Freibeuter draußen trugen – nur viel sauberer –, in einem blauen Blitz mitten auf dem Markt erschien. Und mit einem Schrei und einem weiteren blauen Blitz war er wieder verschwunden.

Das war selbst für die Oase seltsam gewesen.

Und nun flogen die Freibeuter alle gleichzeitig mit ihren großen Schiffen aus. Sie wollte wissen, was da geschah, bevor sie Bericht erstattete, und deshalb war sie hier. Bei ihrem allerliebsten Geheimnis.

Sie war in der Geisterkugel.

Joshua Mechbauer und sein Sohn hatten sie vor einem Zyklus einmal mitgenommen, als sie versuchten, einige der Millionen winziger Leitungen zu bergen, aus denen die Wände dieses kugelförmigen Raums bestanden, der locker einen Durchmesser von einigen hundert M hatte. Die Schwerkraft war hier drin viel niedriger und schien schwächer zu werden, je höher man sich vom Boden entfernte. Aber so viel Spaß es auch machte, Joshua und sein Sohn hatten kein Interesse daran, ihn zu erkunden, sondern nur daran, seinen Zweck zu ergründen. Gegen Ende des Tages sprachen sie über Dinge, die weit über das Wissen eines Suchers hinausgingen. Sie begriff nur, dass es hier einst eine Art riesigen Prozessor gegeben haben musste, aber wo er nun war und wie man ihn entfernt hatte, das wussten nicht einmal die Mechbauer.

Seitdem war sie viele Male hierher zurückgekehrt und hatte die Höhen der Kugel erkundet. Das Flüstern, das durch dieses uralte Artefakt hallte, schreckte die meisten Sucher ab, aber L’haan war davon fasziniert. Es war so alt, dass es Teil der Oase selbst war, aber so leise, dass fast jede Geschichte, die man ihm erzählte, es dazu brachte, etwas heller zu leuchten. Jeder wusste zwar, dass es Unglück brachte, zu viel auf ein Flüstern zu geben, aber sie genoss seine Gesellschaft, als sie die Geisterkugel erklomm. Die Schwerkraft war hier schwach genug, dass ein Fehler nicht gleich tödlich war. Sie hatte trotzdem gelernt, wie sie mit ihren rauen Fingern und Zehen die winzigen Löcher in der Oberfläche der Kugel zum Klettern nutzen konnte. Sie war hoch genug gekommen, um festzustellen, dass sich die Kugel hoch oben in der Dunkelheit veränderte. Auf den obersten drei M gab es keine Leitungslöcher mehr und die Oberfläche bestand stattdessen aus einem matt silbernen Metall, das bei Berührung kitzelte. Und das war nur der Anfang.

L’haan stellte sorgfältig sicher, dass sie direkt auf dem Boden der Kugel stand und ging dann in die Hocke, so tief sie nur konnte. Sie beruhigte sich, holte tief Atem und sprang so weit sie konnte direkt nach oben. Die stehende Luft rauschte an ihr vorbei, aber an dem Punkt, an dem man für gewöhnlich wieder herabfallen würde, schwebte das Mädchen weiter nach oben. Die Kraft ihres Sprunges traf auf die immer schwächer werdende Schwerkraft und ermöglichte es ihr, die Spitze der Kugel zu erreichen. Und als sie sich der silbrigen Krone näherte, lächelte sie, schloss die Augen, streckte die Finger aus und erwartete …

… KONTAKT!

Einen kurzen Moment lang hörte das Kind namens L’haan Sucher auf zu existieren. Es wurde von dem bewusstseinsverschlingenden silbernen Lodern der Kesura-Oase ausgelöscht. Tausende von Quadratkloms aus Durchgängen, Geräten, Scannern und Betriebssystemen verlangten Aufmerksamkeit, warteten auf Befehle und stellten Millionen von Wartungsanfragen für versagende Systeme. Dann hielt die Oase inne, als sich ihre Sicherheitsprotokolle aktivierten und sie feststellte, dass es sich nicht um eine Bindung handelte. Es war Mensch/unreif/Bewohner/LhaanSucher/harmlos/bekannt/vertraut. In einem Augenblick zwischen Quantenmomenten durchsuchte die Maschine alle Informationen, die sich im Geist des Kindes befanden, sammelte sie sorgfältig zusammen und legte sie hinter der Sicherheit einer Schnittstelle zurück in ihr Gehirn. Dann wartete sie die Ewigkeit eines Ticks des menschlichen Verstandes ab. Die Oase wurde passiv, öffnete sich dem Kind und stellte ihm ihre Sensoren und ihre verbleibenden Datenagenten zur Verfügung.

Das alles war für L’haan nur ein kurzer Lichtblitz gewesen. Sie wusste, dass die Oase alles und jeden in ihr spüren konnte, also streckte sie ihr Bewusstsein aus, wie sie es mittlerweile gelernt hatte. Sie konnte die Oase spüren. Ihre Gedanken sprangen durch Gänge und Schotten. Sie stellte furchtlos Fragen und die Station antwortete. Sie fand ihre Mutter, die nach zu vielen Tagen der Untätigkeit nachdenklich und unruhig war. Ihr Vater, der froh war, dass Mutter zu Hause war. Sie zog sich zurück und spürte ihren ganzen Sippenstamm und alles, was ihm in diesen unsicheren Zeiten wichtig war. Sie konnte Gefahren fühlen, die noch Stunden oder Tage entfernt waren. Raum und Zeit bedeuteten der Oase und der unheimlichen offenen Tür, die sie zu hüten schien, nur wenig. Eine Tür, die sie nie zu durchqueren wagte.

RAUM UND ZEIT BEDEUTETEN DER OASE UND DER UNHEIMLICHEN OFFENEN TÜR, DIE SIE ZU HÜTEN SCHIEN, NUR WENIG. EINE TÜR, DIE SIE NIE ZU DURCHQUEREN WAGTE.

Aber dafür hatte sie jetzt keine Zeit. Sie streckte ihren Geist in Richtung des bedrohlichen roten Nests aus, das die Basis der Kalan-Freibeuter darstellte und das wie ein Speer war, den man in die Flanke der Oase gerammt hatte. Sie spürte Spannung und Freude, aber vor allem Furcht. Jemand hatte sie gefunden. Jemand, der gelernt hatte, zu kämpfen wie sie. Und sie hatte Angst. Ihre großen Schiffe waren in die Finsternis hinausgestürzt, um sich dieser Bedrohung entgegenzustellen.

Auch die Oase richtete ihre Aufmerksamkeit darauf.

Und sie war beunruhigt.

Etwas kam also. Etwas Riesiges, das gleichzeitig ein Schiff UND eine Person war. Etwas, das der Oase bekannt war, und doch anders. Das war Neugier. Und Macht. und Gewalt. Und … Hoffnung? Und es kam zu ihnen!
L’haan brach die Verbindung eine Weile lang ab und rutschte die gewölbte Wand hinunter, als das leise Flüstern langsam schwächer wurde.

Es kam ein Krieg!

Und sie musste ihren Sippenstamm und all seine Verbündeten warnen. Sie musste ihnen sagen, dass sie reingehen und sich tief drinnen, weit von den Rändern der Oase verstecken mussten. Waffen waren in der Lage, die Haut ihrer Heimat aufzureißen. Sie hatten es schon einmal getan.

L’haan rannte durch die Oase, wie nur sie es konnte.

Sie musste ihr Volk warnen.

Es war ihre Pflicht.

Schließlich war sie eine Sucherin.